Anarcha-Feminismus

Der Begriff selbst, eine Wortschöpfung von amerikanischen Feministinnen, stammt aus den 70er Jahren und bedeutet Radikalfeminismus, gemischt mit libertären Ideen und anarchistischer Theorie und Praxis. Der Begriff begann sich bald auch in Europa zu etablieren. Viele Frauen sowohl aus den anarchistischen als auch den feministischen Bewegungen sahen dadurch Möglichkeiten, Theorie und Praxis aus beiden sozialen Bewegungen nach außen sichtbar zu verbinden.

Während für viele männliche Genossen das vorrangige Ziel von Frauenpolitik stets die Rekrutierung von Frauen für die gemeinsame Sache war, ging es den Frauen in der anarchistischen Bewegung um ihre ganz konkrete Emanzipation. Das bedeutete sowohl die Thematisierung und Veränderung der weiblichen Lebensbedingungen, wie auch die Verankerung ihrer Forderungen in der Bewegung. Allzu oft wurden und werden feministische Forderungen nicht als solche wahrgenommen, sondern zum Teil des ‚großen Kampfes’ hinzugezählt, für die mensch als AnarchistIn sowieso einstehen würde. Was immer wieder dazu führt, dass die Emanzipation der Frauen als nicht so wichtig betrachtet und die sexistische (oft strukturelle) Unterdrückung in anarchistischen (antiautoritären) Gruppen totgeschwiegen wird – á la ‚das gibt’s doch bei uns nicht, wir sind doch AnarchistInnen’. Stets beton(t)en die Radikalfeministinnen ihre Distanz zum bürgerlichen Feminismus, der sich auf die Einforderung gleicher Rechte beschränkte – wie im Falle des Frauenwahlrechts oder der Lohnarbeit von Frauen – und dabei die übergeordneten HERRschaftsstrukturen der Gesellschaft unangetastet ließ. Die bürgerlichen Feministinnen kämpften gegen die Abhängigkeit von ihren Männern und tauschten ihr ‚Recht auf Arbeit’ lediglich gegen die Abhängigkeit von Vater Staat ein. Das führte dazu, dass die proletarischen Frauen, die sowieso arbeiten mussten, um nicht zu verhungern, ihre Interessen in eigenen Organisationen durchzusetzen versuchten. So kämpfte die proletarische Frauenbewegung an zwei Fronten gegen die Unterdrückung durch den Kapitalismus und das Patriarchat, während die bürgerliche Frauenbewegung sich auf letzteres konzentrierte.

Thesen zum Anarchafeminismus

Diese Thesen mit anschließender Erläuterung wurden vom Anarchafeministinnen-Treffen im April 2006 in der Kommune Olgashof verfasst.
triple oppression

Die Unterdrückung der Frau ist Bestandteil und Stützpfeiler des Patriarchats. Jede Analyse, die das nicht berücksichtigt ist falsch. Jedes praktische Handeln ohne diese Inhalte schafft keine libertäre Veränderung. Das bedeutet, daß wir Rassismus, Sexismus und Kapitalismus als menschenunwürdige Gewaltverhältnisse (Triple Oppression) begreifen und deshalb bekämpfen.

Für uns Anarchafeministinnen ist es wichtig, im Alltag, in politischer Arbeit und Theorie den Triple-Oppression-Ansatz umzusetzen. Das Patriarchat ist ein Gewaltverhältnis, das sich nicht durch die Veränderung einzelner soziologischer und psychologischer Aspekte beseitigen lässt. Wir begreifen Sexismus, Rassismus und Kapitalismus als eigenständige Unterdrückungssysteme, die gleichzeitig existieren, die sich wechselseitig durchdringen und sich gegenseitig stabilisieren, die verschieden offen zutage treten, unterschiedliche Ausprägungen haben und verschieden empfunden werden können. Keine Bewegung kann sich revolutionär nennen, bzw. eine herrschaftsfreie Gesellschaft entwickeln, die nicht alle Formen der Unterdrückung beachtet und bekämpft.

Das private ist politisch

Da für uns alles private und alles öffentliche politisch ist, auch das unbekannte, ist die Trennung von privatem und öffentlichem aufgelöst. Darin liegt die Kraft zur Entwicklung einer anarchafeministischen Gesellschaft.

Zu der Formulierung der These zwei kamen wir über die Feststellung der Frauenbewegung der 1970er Jahre „Das Private ist politisch“. Diese Feststellung ist damals entstanden, als Frauen/Lesben den Widerspruch öffentlich machten, daß Männer (Frauen/Lesben) emanzipatorische Veränderungen in der Gesellschaft anstrebten, im Privatleben aber patriarchales Verhalten in den alten Geschlechterrollen weiter führten. Für jede/n deutlich sichtbar wird dies beim Thema Gewaltanwendung. Die Veränderung der Gesellschaft beinhaltet die Veränderung des privaten und persönlichen Seins. Wir haben diese These nicht abstrakt bearbeitet, sondern waren bei unseren Diskussionen sehr schnell bei dem Bereich Beziehungen und Liebesbeziehungen sowohl heterosexueller als auch lesbischer Art und bei unseren eigenen Erfahrungen und Lebenszusammenhängen. Wir haben über unsere Wünsche in bezug auf Beziehungen und allgemein den Umgang miteinander gesprochen. Wir finden es wichtig zu betonen, daß das Private und damit auch unsere Beziehungen politisch sind, daß jede aber auch das Recht auf ihre Privatheit hat, wenn sie es wünscht. Auch die Entscheidung, etwas als privat anzusehen, ist politisch.

Libertäres Lebensmodell

Unser anarchafeministisches Selbstverständnis beinhaltet, dass wir jegliche Erscheinungsformen von Hierarchie, geschlechtsspezifischem Rollenverhalten, Dominanz und ökonomischer Unterdrückung ablehnen. Das gilt für alle Beziehungen zu allen und allem. Das bedeutet, dass wir lernen, libertäre Lebensmodelle zu entwickeln und einzuüben. In diesem Entwicklungsprozeß richten wir unsere besondere Aufmerksamkeit darauf, dass sich keine neuen Hierarchien, geschlechtsspezifisches Rollenverhalten, Dominanzen und ökonomische Unterdrückung entwickeln können.

Die dritte These beschäftigt sich mit Herrschaft bzw. Herrschaftslosigkeit. Wir haben lange diskutiert, was für uns Herrschaft beinhaltet. Wir haben versucht möglichst viele grundlegende Aspekte von Herrschaft bzw. Herrschaftslosigkeit anzusprechen. Unsere Diskussionen drehten sich z.B. um geschlechtsspezifisches Rollenverhalten, Dominanz und Beziehungen. Unsere eigenen Lebensformen und Lebensmodelle von der Kleinfamilie bis zur Kommune spielten eine große Rolle. Wir redeten unter anderem über unsere Erfahrungen mit dem Abwaschverhalten von Männern in WGs, daß Kindererziehung auch in linken Kommunen teilweise allein Frauensache ist und in mancher Kleinfamilie vielleicht nicht. Wir redeten über die Gefahren des Auftretens von Hierarchien in allen diesen Lebensformen und die Notwendigkeit, dem aufmerksam entgegenzutreten. Auch der Gedanke an unser Verhältnis zu Tieren und zur Umwelt spielte bei der Diskussion an diesem Punkt eine Rolle. Wir wollten Dominanzen so weit fassen, daß wir in „Beziehungen zu allen und allem“ alle Menschen und die gesamte Umwelt einschließen wollten. Es ist uns wichtig zu betonen, daß die Entwicklung von Herrschaftsfreiheit nie abgeschlossen sein kann, sondern ein andauernder Prozeß ist. Dabei ist die Möglichkeit und Chance der Veränderung und des Lernens bei uns und bei anderen hervorzuheben.

Frauenräume

Gemeinsam mit allen sind wir bereit, uns im Sinne einer libertären Entwicklung auseinander zusetzen und zu leben, wenn bei den Männern Bereitschaft zur Veränderung des gesellschaftlich geprägten Männerbildes vorhanden ist – und das in Sprache, Verhalten, Struktur und in psychologischem Sinn. In allen Zusammenhängen können Frauen ohne Erklärungszwang Räume thematisch, zeitlich und örtlich für sich beanspruchen. Das gilt auch für einzelne Frauen. Männer können auf Grund ihrer Unterdrückerstruktur keine Männerräume für sich beanspruchen, außer wenn sie antipatriarchale Auseinandersetzungen führen.

* das Patriarchat ist eine kollektive Lebensrealität.
* die Unterdrückungsstruktur des Patriarchats ist gesellschaftliche Lebensrealität aller, nicht lediglich der Frauen (Kinder, Zwangsheterosexualität, Normierung…).
* auch von Männern wird gefordert sich mit dem Patriarchat auseinander zu setzen, damit sie sich im Sinne einer libertären Gesellschaft entwickeln können. Dies ist auch sinnvoll in Männergruppen um ihrerseits eigene Vorstellungen zu erarbeiten. Dabei ist grundlegend die praktische Veränderung der bestehenden Rollenmuster. Nur so ist zu erreichen, dass nicht ausschließlich Frauen zur ,Frauenfrage’ arbeiten müssen.
* sowohl sozioökonomische als auch soziokulturelle Gesellschaftsumbrüche müssen eingefordert werden. Deshalb fordern wir neben struktureller Veränderung auch Veränderungen in Sprache, Verhalten, Kultur und dem gesamten Bereich der menschlichen Psyche (starkes/schwaches Geschlecht…).
* es ist wichtig, dass Frauen und Männer gemeinsam an einer Gesellschaftsveränderung arbeiten. Es soll aber alle Varianten der Auseinandersetzung geben.
* es ist ein grundsätzliches, selbstverständliches Recht, dass es Frauenräume gibt, in denen Frauen unter sich diskutieren – und zwar alle gesellschaftlich relevanten Themen und nicht nur frauenspezifische Themen.
* es gibt im eigentlichen Sinne des Wortes keinen Freiraum, da auch Frauenräume nicht ,frei’ von unterdrückenden Normen und Formen der Dominanz und Herrschaft sind.
* wir wollen keine Freiräume, sondern ideelle, aber auch reale Räume für Frauen, was bei weitem nicht selbstverständlich ist, auch nicht unter AnarchistInnen. Allein die Forderungen nach eigenem Klo und eigenen Duschzeiten für Frauen führte Anfang der 90iger auf mehreren anarchistischen Treffen zu Eklats.
* eigene Räume zu erkämpfen sind immer befreiende und stärkende Momente.
* Frauenräume werden von Frauen nicht immer als frei empfunden; Frauen reproduzieren ihrerseits auch patriarchale Strukturen und Unterdrückungsmechanismen. Miteinander können diese Strukturen aufgedeckt und überwunden werden.
* auch wenn auf einem gemischten Treffen die meisten Frauen kein separates Treffen wünschen bleibt die Forderung einzelner Frauen nach separaten Räumen dadurch unangefochten. Alle Diskussionsformen müssen akzeptiert werden, nur Vielfalt schafft Veränderung.
* durch separate Frauenräume wird miteinander gelernt unsere Umgangsformen und Gesprächsführungen, die in gemischten Treffen oft als ,emotionales Theater’ abgetan werden, ernst und wichtig und als Teil unserer politischen Arbeit zu nehmen.
* die Räume für Frauen fordern wir aus Respekt, Anerkennung und Interesse aneinander, für einzelne Frauen kann es aber sehr wohl auch ein Schutzraum sein.
* Frauen und Männer, die sich nicht mit dem Patriarchat auseinandersetzen, können sich nicht AnarchistInnen nennen.

Definitionsrecht

Es gibt keine objektive Definition von Vergewaltigung. Betroffene haben das Definitionsrecht, was für sie Vergewaltigung ist. Das gleiche gilt für sexualisierte / sexuelle Gewalt, sexualisierte Übergriffe in Sprache und Körperverhalten.

* Wir wollen, dass bei sexualisierten Übergriffen und Vergewaltigung die Betroffenen das Recht haben zu definieren, was ihnen passiert ist und dass ihre Gefühle und Empfindungen ernst genommen werden.
* Wenn sich Betroffene vergewaltigt fühlen, ist das so, ohne wenn und aber. Wir wollen, dass alle Menschen eine ständige und sensible Auseinandersetzung führen über Grenzen erspüren, wahrnehmen, reflektieren, achten und verteidigen, bei sich und bei anderen.
* Uns ist bewusst, dass dies in Abhängigkeitsverhältnissen (Familie, Beruf, Partnerschaft…) besonders schwierig ist.

Dazu Raphaela Kula (Analyse und Kritik, Mai 2005): „ Der Begriff sexualisierte Gewalt beinhaltet aggressive, gewalttätige Handlungen, die auf die Erniedrigung und Demütigung des Opfers abzielen; diese Gewalttaten sind kein Ausdruck von Sexualität, sondern eindeutig sexueller Ausdruck von Aggression, Machtausübung und Unterdrückung. Sexualisierte Gewalt beinhaltet direkte körperliche Gewalt wie Vergewaltigung und Sexualmorde, aber auch Handlungen, die von den Opfern als Überschreitung eigener Grenzen erlebt werden, wenn z. B. das Schamgefühl verletzt wird. Sexualisierte Gewalt kann sowohl direkt personal, als auch indirekt strukturell ausgeübt werden.“

Kein Nebenwiderspruch

In unseren Augen ist kein Projekt (Mensch, Lebenszusammenhang) revolutionär, dass das Verhältnis der Geschlechter nicht radikal in Frage stellt.

Projekte, Lebenszusammenhänge spiegeln die gesellschaftliche Realität wider. Da die gesellschaftliche Realität eine patriarchale ist und sowohl Frauen als auch Männer in diesem Geschlechterverhältnis sozialisiert wurden, kann eine Befreiung aus den Rollenmustern nur geschehen, wenn die Menschen bereit sind, die (subtilen) Unterdrückungsmuster anzuschauen. Erst durch das Erkennen von Unterdrückungsverhältnissen kann eine Veränderung geschehen. Eine solidarische Veränderung zwischen den Geschlechtern kann nur entstehen, wenn die Kraft der Veränderung auf Freundschaft, gegenseitiger Hilfe und liebevollem Umgang basiert. Deshalb ist es unumgänglich, dass wir uns mit Menschen, die Gewalt ausüben, sei es körperliche, seelische oder sexualisierte, auseinandersetzen, da diese Gewalt in uns selbst, wenn auch nur subtil-vorhanden ist. Dies passiert in den meisten Projekten/Lebenszusammen-hängen nicht. Gewalttätiger, grenzüberschreitender Umgang wird geduldet und mitunter nicht erkannt. Menschen sind häufig auseinandersetzungsfaul und konfliktscheu, was dazu führen kann, dass Menschen stellvertretend angegriffen und ausgeschlossen werden. Das passiert am häufigsten in der gängigen Vergewaltigerdiskussion. Jahrelang wird männliche strukturelle Gewalt geduldet und nicht diskutiert, z.B. Frauen ständig zu unterbrechen, Witze erzählen über Blondinen, Frauen sich Männern unterwerfen, um eine Position in der Gruppe zu erreichen. Diese Umgangsformen schaffen Platz für übergriffige Handlungsweisen, die in der Gruppe bei Auseinandersetzung über eigene subtile patriarchale Muster schon längst offengelegt wären. Wenn Vergewaltigung sichtbar wird, dann ist das Geschrei groß. Solange das Geschlechterverhältnis nicht ständig hinterfragt wird und als radikales – an der Wurzel sitzendes – Übel erkannt wird in unseren Gruppen, wird die Vergewaltigerdiskussion weiterhin stellvertretend für fehlende Auseinandersetzung zum Thema Patriarchat geführt werden.

Alltägliche Themen müssen sein, und zwar immer wieder:

* Wer macht die reproduktive Arbeit (Raum fegen, Abwasch, Essen vorbereiten, Beziehungsarbeit)?
* Wie ist unser Redeverhalten?
* Wie ist zahlenmäßig das Verhältnis Frauen –Männer in Gruppen?
* Warum nehmen weniger Frauen am öffentlichen Leben teil?
* Haben wir gewaltfreie liebevolle Beziehungen und Umgangsformen?
* Welche Rolle spielen Liebe und Beziehungen, gehen wir in der Sexualität achtsam miteinander um?
* Werden Frauen und Männer für Nichterfüllen ihrer gesellschaftlich erwarteten Geschlechterrollen ausgegrenzt?
* Gehen wir verantwortungsbewußt mit unserer Umwelt um?
* Wer bereitet Texte vor, hält Reden?
* Wie sind die ökonomischen Verhältnisse, wie gleichen wir diese aus?
* Wer macht, plant, organisiert Kinderbetreuung?
* Werden Aktionen so geplant, dass sie Frauen und Kinder mit ansprechen?
* Ist unsere Utopie und Praxis offen für vielfältigste Lebensentwürfe (kulturell, sexuell, religiös, spirituell, körperlich)?

Frauen und Männer, die diese Diskussionen nicht führen wollen, können sich nicht in Richtung anarchistisch- HERRschaftsfrei – entwickeln.

Verhältnis Anarchie zu Feminismus

Für uns ist sowohl in dem Begriff Anarchie Frauenbefreiung enthalten als auch im Begriff Feminismus Herrschaftsfreiheit. Trotzdem muss dieser feministische Ansatz in libertären Zusammenhängen stärker berücksichtigt werden und in feministischen Zusammenhängen die Herrschaftsfreiheit.

Wir, die Frauen und Lesben des Anarchafeministinnen-Treffens, bringen jede unterschiedliche Hintergründe in die Treffen ein. Einige Frauen kommen aus libertär/anarchistischen Zusammenhängen, in denen sie immer wieder – trotz vieler Diskussionen – den Eindruck hatten und haben, feministische Ansätze werden deutlich zu wenig bis gar nicht berücksichtigt – frei nach dem Motto “Haupt- und Nebenwiderspruch”. Andere Frauen kommen aus feministischen Zusammenhängen. Dort stoßen sie in Diskussionen in verschiedenen Auseinandersetzungen häufig an ein Denken in staatlichen und parteipolitischen Strukturen oder an ein Nichthinterfragen von Herrschaftsstrukturen bzw. an eine geringe Bereitschaft grundsätzlich Herrschaftsfreiheit als Ziel zu sehen.

Anarchokommunismus

Die Idee des Anarchokommunismus (synonym: „anarchistischer Kommunismus“, „libertärer Kommunismus“, „freier Kommunismus“ oder „kommunistischer Anarchismus“, auch einfach „Anarchismus“ oder „Kommunismus“) geht zurück auf den russischen Anarchisten Pjotr Kropotkin. Dieser formulierte die These, dass Anarchismus und Kommunismus (Bedürfnisprinzip) nur zusammen funktionieren könnten, da sie einander gegenseitig bedingten. Dabei gehen AnarchistInnen von einem Kommunismusbegriff jenseits der Staatsideologie und der Parteigefolgschaft aus. Anarchokommunistische Vorstellungen überschneiden sich teilweise mit anderen anarchistischen Ideen. So gehen beispielsweise alle Strömungen davon aus, daß die Selbstorganisation der Menschen Grundbedingungen einer freien Gesellschaft ist und die Existenz eines Staates egal in welcher Form immer die Freiheit der Menschen beschneidet. Weitere Übereinstimmungen gibt es mit SyndikalistInnen und KollektivistInnen in der Ablehnung des Privateigentums, was wie manchmal fälschlich angenommen wird, nicht identisch mit dem Besitz ist. Hier lassen sich die vorgenannten Strömungen deutlich von individualistischen Strömungen abgrenzen, bei denen das Eigentum von zentraler Bedeutung ist.

AnarchokommunistInnen lehnen das Eigentum aber nicht deshalb ab, weil sie sich bescheiden und dem Luxus entsagen wollen, vielmehr gilt es die Basis der Freiheit zu sichern, die nur unter Gleichen existieren kann. Gleichheit heißt nicht Gleichmacherei sondern bedeutet für alle Menschen die gleichen Vorraussetzungen zu schaffen und zwar nicht nur in der Theorie oder auf dem Papier sondern in der Realität. Der Anarchokommunismus teilt die marxistische Kritik der politischen Ökonomie aber nicht die marxistischen Vorstellungen, die zur Überwindung führen sollen. Kropotkin und andere kommunistische Anarchisten kritisierten bereits während der russischen Revolution den von Lenin propagierten pseudomarxistischen Kommunismus (Staatskapitalismus) als totalitär und elitär. Im Unterschied zu staatskommunistischen Ansichten wird es nach anarchokommunistischer Überzeugung keine Übergangsgesellschaft geben, nur der direkte Weg zu einer freien anarchokommunistischen Ordnung schafft die Möglichkeit das Zeitalter des bürgerlichen Gewalt- und Chaossystems zu überwinden.

Eine künftige anarchokommunistische Gesellschaft wird keine homogene Ordnung sondern ein pluralistisches System sein, in dem grundsätzlich alles möglich ist, was nicht zu neuen Herrschaftsformen führt. Mit der Zeit wird ein neues Denken des Miteinanders das bürgerliche Konkurrenzdenken ersetzen, somit bedarf es keiner Korrekturmechanismen wie z.B. Gesetze oder Polizei. Daß sich ein solches Denken von heute auf morgen durchsetzen kann und keiner Generationen bedarf, hat die Geschichte in Spanien (siehe Spanischer Bürgerkrieg) und der Ukraine (siehe Machno-Bewegung) bewiesen, zwei Systeme die in sich stabil waren und von außen durch Faschisten bzw. Bolschewisten zerstört wurden. Das neue Denken wird auch einen neuen Umgang der Menschen miteinander hervorbringen, so kann z.B. die freie Vereinbarung eine Möglichkeit zur Bildung freier Kooperationen bieten. Die ständige Hinterfragung von Hierarchien und der Abbau von entsprechenden Strukturen wird aber ein dynamischer Prozess bleiben.

Abgrenzung zum Sozialismus und anderen Ideologien

Der Kapitalismus beruht auf der Eigentumslogik. Entsprechend dieser Logik können Sachen nur getauscht (oder wenn wer guten Willens ist) verschenkt werden, alles was frei verfügbar ist, wird von der sogenannten „Volkswirtschaftslehre“ als freie Güter bezeichnet. Dies sind Güter, die nicht kapitalistisch verwertet werden können, weil Verfahren zur künstlichen Verknappung hier von der Bevölkerung nicht akzeptiert werden oder technisch noch nicht möglich sind, einfache Beispiele wären z.B. die Luft oder das Meer. (Früher konnte hier auch Bildung aufgezählt werden.) Güter die kapitalistisch verwertet werden können, werden zu Waren und „volkswirtschaftlich“ als „knappe Güter“ bezeichnet, daß sie zum großen Teil gar nicht knapp sind, sondern künstlich verknappt werden, spielt dabei keine Rolle, wichtig ist nur, daß die Substanz (also u.a. auch die Menge der knappen Güter) sich mehrt, die als Kapital bewegt wird. Der Trend der künstlichen Verknappung hält weiter an, wie mensch an den Privatisierungen bei Bahnen und im Gesundheitssystem oder am Patentrecht heute sehen kann und auch z.B. vom EG-Butterberg seit Jahren kennt. Selbst die Einführung von Studiengebühren ist ein Schritt in diese Richtung.

Nun ist Marktwirtschaft eigentlich simple Mathematik und wie wir von Potenzfunktionen wissen, gibt es zwischen den Funktionsanstiegen zu zwei verschiedenen Zeitpunkten eine Differenz und diese Differenz muß, jetzt wieder auf die Wirtschaft übertragen, als (makroökonomische) Substanz dem Kapitalkreislauf hinzugefügt werden, sonst bricht das System zusammen und es kommt zu einer sogenannten Krise. Dieses gelang in der Nachkriegszeit durch neue Produkte (TV, Auto, Rüstungsindustrie, Computer), der Verringerung der Umlaufzeit durch neue Produktionsmethoden (Automatisierung) oder durch Erweiterung der Märkte (Zusammenbruch des Ostblocks). Es wurde privatisiert, neue Gebühren und Steuern wurden erhoben und Überproduktionen auf Kosten der Steuerzahler vernichtet, damit wieder neu produziert werden konnte. Nicht zuletzt platzten viele Finanzblasen auf Grund fehlender Substanz. Also alles was heute in der Politik geschieht, kann gewissermaßen als Gesetzmäßigkeit des kapitalistischen Wirtschaftens verstanden werden.

Der Kapitalismus ist nun aber nicht einfach ein bidirektionaler Tauschhandel, sondern ein Kreislauf der nur solange funktioniert wie das Kapital in Bewegung bleibt. Natürlich wird kein Investor auch nur einen Euro für ein Geschäft opfern von dem er glaubt, daß es keinen Profit abwirft. Der Profit ist also der Anreiz um den Kapitalkreislauf am Leben zu halten und dabei sind die handelnden Personen beliebig austauschbar. Dies bedeutet, daß der Kapitalismus über eine Eigendynamik verfügt, die mit einem Krebsgeschwür vergleichbar ist. Egal wie mensch ein solches Geschwür behandelt, es hat immer den Drang sich auszubreiten und solange Metastasen (z.B. Freiwirtschaft) existieren, wird es sein zerstörisches Wachstum von vorn beginnen. An diesem Metapher wird auch schon deutlich, daß es völlig egal ist, ob eine politische Führung dem Geschwür wohl oder kritisch gesonnen ist. Will mensch den Kapitalismus also wirklich überwinden, muß er vollständig bis auf die letzte Zelle entfernt werden. Es genügt nicht Verzicht auf Profit zu üben (wie z.B. bei non-profit oder fair-trade), sondern die Erlangung des Profites muß unmöglich gemacht werden. Jede andere Herangehensweise führt automatisch zu verkürzter Kapitalismuskritik unabhängig davon wie die jeweilige Ideologie und die dahinterstehenden Propheten heißen.

Hier beginnt aber der logische Fehler, der sämtlichen sozialistischen Vorstellungen zu Grunde liegt. Der sozialistische Gedanke legt einen humanistischen Anspruch an die kapitalistische Wirtschaft, mensch könne doch die Sachen besser verteilen und solidarischer miteinander umgehen und genau dies kann die kapitalistische Wirtschaft nicht. Es wird nämlich ausgeblendet, daß der Kapitalismus nach simplen mathematischen Formeln abläuft und so wie es in der Schule nicht half, die Formel anzubeten, damit sie sich selbst aufzulöse, genauso wenig hilft auch ein Gebet an den Kapitalismus, mensch möchte ihn humanistisch gestalten. Diesem Irrglauben liegt die Annahme zu Grunde es gebe steuernde Individuen, die nach Gutdünken die Form des Kapitalismus ändern können, doch die gibt es nicht. Lediglich der Staat hatte im Zeitalter der Nationalstaaten die Möglichkeit hier für einen gewissen Ausgleich („Sozialstaat“) zu sorgen und nur aus diesem Blickwinkel läßt sich die Idee des autoritären Sozialismus überhaupt begründen. Die kapitalistische Wirtschaft ist ein Motor in sich selbst und der Energielieferant ist der Tauschhandel. Dieser kann nur überwunden werden, wenn Waren wieder zu wertfreien Gütern werden. Jede Schaffung eine Äquivalents führt zu neuen Ungerechtigkeiten und sichert das Überleben des Kapitalismus.

Alexander Berkman schreibt in seiner rhetorischen Schrift ABC des Anarchismus: „»Aber warum wird nicht jeder entsprechend dem Wert seiner Arbeit entlohnt?« fragen Sie. Weil es kein Verfahren gibt, mit dem Wert gemessen werden kann. Das ist der Unterschied zwischen Wert und Preis. Der Wert einer Sache wird durch ihren Stellenwert bestimmt, während der Preis angibt, wofür sie auf dem Markt gekauft oder verkauft werden kann. Was eine Sache wert ist, kann niemand wirklich sagen. Volkswirtschaftler geben im allgemeinen den Wert einer Ware als Summe der Arbeit an, die für ihre Produktion aufgewendet werden muß; Marx spricht von »gesellschaftlich notwendiger Arbeit«. Aber offensichtlich ist das kein gerechter Maßstab. Angenommen, ein Tischler arbeitet drei Stunden, um einen Küchenstuhl herzustellen, während ein Arzt nur eine halbe Stunde braucht, um eine Ihr Leben rettende Operation auszuführen. Wenn die Summe der aufgewandten Arbeit den Wert bestimmt, dann ist der Stuhl mehr wert als Ihr Leben. Das ist natürlich offenkundiger Unsinn. Selbst wenn Sie die Jahre des Studiums und der Praxis mitzählen, die den Arzt zu der Operation befähigten, wie wollen Sie dann entscheiden, wieviel »eine Operationsstunde« wert ist? Der Tischler und der Maurer mußten auch lernen, bevor sie ihre Arbeit sicher beherrschten, aber Sie berücksichtigen diese Jahre der Lehrzeit nicht, wenn Sie sie mit einer Arbeit beauftragen. Außerdem ist die besondere Fähigkeit und Neigung in Betracht zu ziehen, die jeder Arbeiter, Schriftsteller, Künstler oder Arzt bei seiner Arbeit einsetzen muß. Dieser Faktor hängt allein von der einzelnen Person ab.

Wie wollen Sie diesen Wert einschätzen? Wert kann deswegen nicht bestimmt werden. Ein und dieselbe Sache mag für eine Person viel wert sein, während sie für eine andere gar keinen oder nur geringen Wert besitzt. Selbst für ein und dieselbe Person mag sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten viel oder wenig wert sein. Ein Diamant, ein Gemälde oder ein Buch mag für den einen sehr viel und für den anderen sehr wenig wert sein. Ein Laib Brot wird Ihnen viel wert sein, wenn Sie hungrig sind und viel weniger, wenn Sie es nicht sind. Selbstverständlich läßt sich der wirkliche Wert einer Sache nicht bestimmen, wenn es sich um eine unbekannte Größe handelt. Der Preis jedoch kann leicht ermittelt werden. Wenn es fünf Laibe Brot gibt und zehn Personen wollen aber je einen kaufen, dann wird der Brotpreis steigen. Er wird aber fallen, wenn zehn Laibe Brot vorhanden sind und fünf Käufer nur je einen erwerben wollen. Der Preis hängt von Angebot und Nachfrage ab. Der Warenaustausch anhand von Preisen führt zu Profitmache, zu Übervorteilung und Ausbeutung; in wenigen Worten: Zu irgendeiner Form des Kapitalismus. Wenn Sie die Profite beseitigen wollen, dann können Sie weder ein Preis- noch ein Lohn- oder Gehaltsystem beibehalten. Das heißt, daß der Austausch entsprechend dem Wert erfolgen muß. Aber da der Wert unsicher oder nicht bestimmbar ist, muß der Warenaustausch auf freier Basis erfolgen, ohne einen »gleichen Wert«, denn so etwas gibt es nicht. In anderen Worten heißt das, die Arbeit und ihr Produkt müssen ohne Preis und ohne Profit frei und entsprechend ihrer Notwendigkeit ausgetauscht werden. Das führt logischerweise zu öffentlichem Eigentum und gemeinsamem Gebrauch. Dieses vernünftige und gerechte System ist als Kommunismus bekannt.“



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